Autoimmuntiere werden nicht artgerecht gehalten!

Was ist ein Autoimmuntier?
Zunächst einmal: Bitte keine Sorge, es geht hier nicht um Autoimmunerkrankungen bei Tieren 🙂.

Au|to|im|mun|tier, das; -e [ˈaʊ̯toˑɪmuːn’tɪə]
Kunstwort. Bezeichnung für Säugetiere, speziell Menschen mit vermuteter genetischer Prädisposition für Autoimmunerkrankungen.

Und was haben diese… Autoimmuntiere jetzt mit Gürteltieren zu tun? 
Wenn ich ehrlich sein soll … nichts!
Ich fand das Wort nur schön einprägsam und wollte ein putziges Tier im Logo haben.

Was allerdings durchaus etwas mit Autoimmunkrankheiten zu tun hat, das ist das Wort „Tier“!
Ich bin der Überzeugung, dass es bei Autoimmunkrankheiten nicht nur hilfreich, sondern unter Umständen sogar heilsam sein kann, sich selbst als Tier zu betrachten. Dies ist im Großen und Ganzen der Grundgedanke dieses Blogs.

Der Mensch in der Blase, das Tier im System

Im letzten Jahr, in dem ich nach und nach immer gesünder wurde und so viel über mich und über Autoimmungeschehen und vor allem über Gesundheit gelernt habe ist mir eine Sache klar geworden:

Wir dürfen uns nicht aus der Natur herausdenken. Ich glaube, diese Tendenz von uns Menschen, uns selbst immer als oberhalb, ganz jenseits natürlicher Systeme zu betrachten, ist einerseits tief in uns drin, es macht uns sozusagen aus, es hat aber andererseits viel Leid und Zerstörung gebracht. Und zwar innerhalb und ausserhalb dieser gedachten Blase, die wir Zivilisation nennen.

Jedes Tier, zum Beispiel dieses putzige Gürteltier, wird von uns ganz selbstverständlich als Teil eines größeren Systems betrachtet. Wir wissen ganz genau, dass es bestimmte Dinge frisst, dass es wahrscheinlich irgendwelche typischen Parasiten hat, dass es in der Erde scharrt und damit den Boden manipuliert 
Kurz – Es ist Teil eines Ökosystems und es ist im Laufe der Zeit durch evolutive Prozesse so geworden, wie es jetzt ist. 
Wenn es gefangengenommen würde, nach Deutschland gebracht würde und dann im Zoo nach ein paar Monaten sterben würde, dann würden wir uns überhaupt nicht wundern, nicht wahr? Wir würden sagen: „Das arme Tier. Tja, so ist das. Man hat es wahrscheinlich einfach nicht hingekriegt, es in diesem Klima artgerecht zu halten.“
Niemand erwartet ernsthaft von einem Tier, dass es sich an fremde klimatischen Zonen, verändertes Futter, verändertes mikrobielles Milieu und Bewegungsmangel gewöhnt.
Aber von uns, von uns Menschen erwarten wir das.

Sind wir wirklich so anders als Tiere? Ich weiß wohl, dass das eine sehr komplexe Frage ist. Immerhin hat gerade die Anpassungsfähigkeit an andere Lebensräume im Laufe der Evolution des Menschen immer wieder eine wichtige Rolle gespielt:  Wir haben das Fell verloren, weil wir schon lange Kleidung tragen. Wir haben das kräftige Gebiss verloren, weil wir schon lange unser Essen kochen. Wir haben die Fähigkeit entwickelt, die Muttermilch von Kühen und Ziegen zu verdauen, weil wir sie schon so lange halten. 
Aber was ist mit neueren Einflüssen? Sagen wir mal… Elektromagnetische Strahlung. Die gibt es verstärkt, seitdem Mobiltelefone und WLAN Einzug gehalten haben. Tiere, Pflanzen und Zellkulturen reagieren darauf. Und wir?
Oder das Essen mit diesem Riesenanteil an Getreide, jeden Tag, Jahr um Jahr? Ist das unsere natürliche Ernährung, sind wir wirklich Samenesser?

Guck dir einen Menschen mal an, als wärest du ein außerirdisches Wesen, das diese Spezies analytisch unter die Lupe nimmt, und du hättest außer einem vergleichenden Tierkundebuch keine Ahnung von Menschen: 

  • Aufrechte Haltung. Offenbar zum ausdauernden Stehen gemacht. Hat einen guten Überblick über die Umgebung.
  • Lange, gerade Beine (die tatsächlich fast die Hälfte des Körpers ausmachen!). Offenbar ein Tier das viel läuft.
  • Fußgewölbe: Es springt viel herum und kann schleichen.
  • Augen geradeaus, nicht seitlich. Also kein Beutetier, sondern eher ein Räuber. 
  • Lange, bewegliche Arme. Es hantiert offenbar ziemlich viel mit Gegenständen. Wohl hauptsächlich vor dem Körper als hinten, aber eigentlich kann es alles mögliche damit.
  • Opponierbarer Daumen: Es hantiert eindeutig ziemlich viel mit Gegenständen!
  • Gebiss ist multifunktional, mit Schneide- und Kauzähnen. Sieht aus wie ein ziemlich degeneriertes Raubtiergebiss. Ziemlich degeneriert. Okay, es beisst ab und zerkleinert, aber wohl eher weiche Nahrung. Tötet damit definitiv keine anderen Tiere.
  • Kaum behaarte, sehr empfindliche Haut: Huch? Das ist einzigartig. Nein, Moment. Es behängt sich in kalten Zonen mit Schichten von körperfremdem Material oder…Tierhäuten? Es hält Kontakt mit anderen Tierherden. Interessant! Vielleicht ist es eine Art Parasit? Quatsch, es tötet ja seinen Wirt. Also ein Räuber? Hm, beides vielleicht. Es nutzt jedenfalls andere Tiere um sie zu fressen und sich vor Kälte zu schützen.
  • Relativ großer Kopf: Offenbar sehr intelligent. Kann über sich selbst nachdenken und gut Probleme analysieren. Warum in aller Welt macht es da gerade seinen Lebensraum kaputt? Vermutlich doch eher ein Virus….

Ja, ganz objektiv betrachtet sind wir zum Laufen, Hantieren/Manipulieren („Manipulieren“ von lat. manus: Hand) und hoffentlich auch zum Denken gemacht. Es ist wohl unbestritten, dass unser westlich-industrieller, vorwiegend sitzender Lebensstil, fern von den Steppen und Wäldern aus denen der Mensch kommt, und fast ganz ohne einen ökologischen Sinnzusammenhang, nicht als artgerechte Lebensweise angesehen werden kann. Vermutlich ist aber eine Rückkehr in ein Ökosystem, das wir weitestgehend schon zerstört haben, für die ganze Menschheit nicht mehr möglich. Ob der einzelne Mensch dazu noch in der Lage sein könnte, ist eine Frage, die ich in einem anderen Artikel gerne noch einmal aufgreifen möchte.

Wir alle, die „Autoimmuntiere“ und unsere Mitmenschen, die „nur“ an den üblichen Zivilisationskrankheiten leiden, leben nun also in einem nicht besonders artgerechten Lebensraum, was ein Umstand ist, der jedes andere Tier auch auf Dauer krank machen würde.

Ich vermute Folgendes: Wir sind vielleicht ganz einfach die, bei denen es sich dieser Umstand besonders deutlich zeigt. In dem Buch „Autoimmunkrankheiten erfolgreich behandeln“ vergleicht Dr. Susan Blum sich, uns, mit Kanarienvögeln, die früher mit in die Kohlebergwerke genommen wurden. Sie reagierten besonders leicht auf Gas in der Luft und konnten so als eine Art „Frühwarnsystem“ benutzt werden. Fielen sie bewusstlos von der Stange, war Flucht angesagt. Ich finde diesen Vergleich sehr einleuchtend. 

Autoimmunerkrankung als „Spezialausstattung“

Wir Autoimmunbetroffene reagieren empfindlicher als andere auf Stress, auf Giftstoffe, auf bestimmte Nahrungsmittel, auf… irgendetwas, was wir noch nicht kennen. Wir können uns mit unserer Problematik daher auch einmal probehalber als hilfreiche Nutztiere betrachten. Zwar unfreiwillig, aber eben doch hilfreich. 
Okay, wenn du da nur müde husten kannst, solltest du alternativ einmal folgenden Gedanken probieren, ganz ohne Sinnsuche, versprochen 😉:

In der Biologie, ach was, auf der Welt geht es, wenn man immer weiter nach dem Warum fragt, am Ende immer nur um das Fortbestehen der eigenen Art. Das ist das ganze Ziel des Werbens, des Schaffens, des Konkurrierens, des Lebens. Der biologische Sinn des Lebens ist es, zu leben. 
Wie es uns dabei geht, ist der Natur vollkommen egal. Ob wir lange oder kurz leben, glücklich oder traurig sind, was macht das schon aus? Hauptsache, der Körper ist in der Lage überhaupt zu leben und sich fortzupflanzen. 
Die Natur bringt immer wieder neue, witzige, kreative Genvarianten hervor. Sie spielt herum. Sie guckt was passiert. Ist da eine komische Variante, die zu einer Krankheit der roten Blutkörperchen führt? Ja, dann sterben diese Menschen. Aber halt, die Variante schützt auch vor Malaria? Na, dann setzt sie sich eben doch durch, auch wenn in diesen Familien tendenziell mehr Kinder sterben. Es klingt grausam, aber die Natur ist da völlig pragmatisch. 

Wir Autoimmuntiere haben offenbar auch irgendwelche komischen Varianten im Genom. Wir vertragen dadurch vermutlich Dinge nicht so gut, die andere problemlos vertragen. Wir leiden auch an der Krankheit. Aber das ist der Natur vollkommen einerlei, sie hat an uns ja nur mal etwas ausgetestet. Ist nicht böse gemeint. War nur ein Test.
Ich kann dir gar nicht so genau sagen, warum das so ist, aber direkt nach einer gewissen Empörung, die sich da bei mir einstellt, beruhigt mich dieser Gedanke auch. Vielleicht ist es so, dass eine rationale, vollkommen logische Erklärung, dieses „Sich-eingeordnet-in-das-große-Ganze-sehen“ so ein bisschen die Emotionen aus der ganzen Sache herausnimmt. Wir dürfen uns einfach als Spielart der Natur betrachten, die es schwerer hat als andere. Aber wir leben immerhin.  Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mir ist es lieber, mit dieser Neigung geboren zu sein, als überhaupt nicht geboren zu sein.

Und außerdem ist es ja nicht so, als würde uns diese Autoimmunneigung daran hindern, das zu tun, was wir gut können, nämlich das Lebensraum-Gestalten! Darin sind wir, wie alle anderen Menschen auch, Meister!  Wir können alles mögliche an unserem Lebensraum verändern. Wer weiß, was passiert, wenn wir es schaffen, wenigstens die Faktoren zu reduzieren, die ganz sicher nicht artgerecht für Menschen sind?

Lasst uns eben das Beste daraus machen, dass wir so sind, wie wir sind. Lasst uns unsere Energie dahinein stecken, herauszufinden, was uns schadet und was uns guttut. Lasst uns herausfinden, welches Leben wir führen wollen. Und dann lasst uns dieses Leben leben.

9 Replies to “Autoimmuntiere werden nicht artgerecht gehalten!”

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